Chronik XII: Zeitalter der Ungewissheit

Von den Trümmern des Krieges

Nach der Befreiung Heragons verebbten auch die letzten Wehen des Krieges. Was nach den letzten Kämpfen in Cendaric und Heragon von der kelsarischen Armeeübrig geblieben war, zog sich entweder über das Meer zurück nach Darandia oder ließ sich in der Calshanwüste nieder. Für die nächsten Jahre sollte man nichts mehr aus dem kelsarischen Imperium hören.

Obgleich Cendaric nun keine weiteren Überfälle mehr zu fürchten hatte und die Stellung der Stadt als Hauptstadt und Juwel des Reiches in den Herzen der meisten Seldaren unumstritten war, hatte es durch die Jahre des Krieges an Größe und Macht eingebüßt. Das einst stolze seldarische Königreich war nur noch ein loser Zusammenschluss weitgehend unabhängiger Städte. Ohne eine starke zentrale Regierungsgewalt oder eine Armee, die auf den Handelsstraßen für Ordnung sorgte, waren diese Städte bald die einzig sicheren Flecken im mittleren Sonedes. Aus dem nördlichen Fürstentum von Aldanis drang trotz der Bemühungen des dortigen Fürsten die Beziehungen zum Kronland nach dem Verrat im letzten Krieg wieder zu verbessern, kaum Kunde in den Süden. Bariols Atem 886 nach Eldarans Fall brachte Aldanis die größte Kälte seit Generationen, was einen Nachrichten- oder Warenaustausch mit dem Rest des Reiches erschwerte. Die Bündnisse des Königreiches mit den Zwergen und Elfen hatten nach dem Verschwinden des seldarischen Königs ebenfalls gelitten, doch trieb der Handel unter den Völkern die Zusammenarbeit wieder voran.

Während Heragon sich von der jahrelangen Besetzung durch die Kelsaren dank der Nähe zum reichen Calshan langsam erholte, war jeder Kontakt zu den Städten Uras und Uraton abgebrochen. In den Schatten der einst stolzen Festungen wurden kleine Dorfgemeinschaften gegründet, die kaum Interesse an den Vorgängen im Rest des Königreiches hatten. Tarsik war zu einem kleinen Fischerdorf verkommen, dessen Hafen nur noch gelegentlich von Schiffen aus Heragon oder Deyra angesteuert wurde. Die vom Krieg weitgehend verschont gebliebene Minenstadt Dymoras wurde unter den nicht enden wollenden Regenfällen zu Nephrons Starrheit 887 nach Eldarans Fall überflutet. Jene Bewohner, die sich und ihr Hab und Gut retten konnten, flohen schließlich unter der Führung des Gardekommandanten D'Nal Alandos in das nahe gelegene Zendill.

Nicht zuletzt dank der Flüchtlinge aus Dymoras erlebte die Hafenstadt an der Nordstraße in der Folge einen großen Aufschwung. Auch Schwarzsand, der sich ab 889 nach Eldarans Fall als berüchtigter Pirat einen Namen machte, oder ein auftauchender ketzerischer Kult um Elyr, konnten dem Aufstieg Zendills als letzter Bastion des geschlagenen seldarischen Königreiches nichts anhaben.

Zudem stieg das Ansehen der in Zendill ansässigen Magiergilde, die bald zu einer festen Institution der Stadt wurde. Ein Bündnis mit einem ortsansässigen Klerikerorden des Astaroth sorgte für zusätzliche Sicherheit innerhalb der Stadtmauern. Dieses Bündnis wurde jedoch kurz darauf wieder aufgekündigt, da die Kleriker des Astaroth dunkler Machenschaften verdächtigt wurden. Nach ihrem Ausstoß aus Zendill boten die Ordensmitglieder ihre Dienste dem aldanischen Fürsten an. Als im Jahre 890 ein neuer Fürst in Aldar den Thron bestieg, verstärkte er die Grenzwachen und es kam zu ersten Spannungen zwischen Aldanis und dem restlichen seldarischen Königreich, die sich insbesondere zwischen Zendill und der Waffenstraße entluden.
Als Antwort darauf wurde die Stadtmauer zu einer mächtigen Wehranlage ausgebaut und die Stadtwache vom Templerorden, einem weiteren Orden des Kriegsfürsten, der sich beim Volke größerer Beliebtheit erfreute, verstärkt.

891 nach Eldarans Fall begann der Aufstieg des Schattendorfes, das südlich von Zendill ebenfalls an der Nordstraße lag. Zunächst unter der Vorherrschaft der dunklen Garde, später der Giftklingen, kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen den Bewohnern des Schattendorfes und Zendills. Doch weder Aldaner noch der Abschaum aus dem Dorf der Schatten oder Streitigkeiten untereinander konnte Zendills neuer Vormachtstellung etwas anhaben oder das Banner des Königs, das über der Stadt wehte, einholen.

Erst als die Orks im Jahre 892 einen großen Feldzug gegen das desolate Königreich begannen, wurde der Friede in Zendill bedroht. Die Orks zogen eine Schneise der Verwüstung durch Sonedes, der sowohl Cendaric als auch das Schattendorf zum Opfer fielen. Die einst stolze Hauptstadt blieb als Ruine zurück und das Dorf der Schatten in dunklem Nebel gefangen. Aus Dymoras erschallten bald darauf die orkischen Kriegstrommeln und das Orkheer richtete seinen Hass und seine Zerstörungswut nun gegen Zendill. In einer großen Schlacht warf sich ein Bündnis aus den Verteidigern Zendills, der Elfen und Zwerge den Orks entgegen, doch der Eine stattete seine Diener mit ungeahnten Kräften aus. In einem selbstmörderischen Akt entfesselte ein verrückter Orkhexer einen gewaltigen Zauber, der die ganze Stadt – nebst der Orks – einäscherte und in einen riesigen Krater verwandelte.
Durch geheime Tunnel gelang einigen Bewohnern Zendills die Flucht aus der zerstörten Stadt. Einige zogen nach Aldanis, andere suchten Zuflucht bei den Elfen an der Sternensee.

893 nach Eldarans Fall machten sich die Überlebenden von den Elfenreichen aus auf, um eine neue Heimat zu finden. Auf einem geschützten Plateau am Fuße der Nordzinnen, umgeben von fruchtbarem Land und üppigem Wald wurde schließlich die Stadt Zinnengrund gegründet, die anfangs lediglich aus Zelten und Planwägen bestand.

Zwischen 894 und 897 nach Eldarans Fall waren die letzten freien Seldaren vor allem mit dem Aufbau des Zinnengrundes beschäftigt. In jener Zeit kam es auch zu Übergriffen der Dunkelelfen, die sich unter der Führung Elviths das zerstörte Schattendorf zu eigen gemacht hatten. Gerüchte über einen Blutmagier, Spannungen mit Aldanis und die Sorge, dass die Orks den Zinnengrund doch noch finden könnten, sorgten immer wieder für Unruhe in der im Aufbau befindlichen Siedlung. Hinzu kamen politische Spannungen unter Mitgliedern des Stadtrates oder anderen Gruppierungen.

896 nach Eldarans Fall fiel unerwartet Caras Ael den erstarkten Dunkelelfen zum Opfer. Die Küstenstadt wurde zu großen Teilen zerstört und die Elfen flohen gen Zinnengrund, wo sie ihr Lager am Wasserfall aufschlugen. Die Dunkelelfen besetzten Caras Ael und die umliegenden Gebiete für die nächsten Jahre.

Schließlich zogen Anfang des Jahres 899 die letzten Seldaren gegen Elvith und das Schattendorf ins Feld und besiegten die mächtige Dunkelelfe im Herzen ihres eigenen Reiches. Das von der Dunkelheit befreite Dorf wurde alsbald von den Calshiten besetzt, die es ganz nach ihren Vorstellungen in eine Stadt aus Sand verwandelten und fortan die Pforte zu den Schattenlanden bewachten. Die ihrer Anführerin beraubten Dunkelelfen in den ehemaligen Elfenreichen verschwinden, doch Caras Ael bleibt in Finsternis gefangen.

Während sich die Zinnengrunder auf einen weiteren Feldzug vorbereiteten, nutzten die von Zendill aus nach Aldanis Geflüchteten den nun sichereren Weg nach Süden und ließen sich in Zinnengrund nieder, was der Siedlung zu einem Aufschwung verhalf.
Mit der Unterstützung eines alten Golems zogen die Seldaren als nächstes gegen die Orks, die Dymoras besetzt hielten ins Gefecht. Nach harten Kämpfen konnte die Minenstadt schließlich zurückerobert werden. Die ins Hochland fliehenden Orks wurden, als seien sie von ihrem Schöpfer verraten worden, von Lasziamlamur, dem schwarzen Drachen, vollständig vernichtet.

Während die Aufräumarbeiten in Dymoras vorangetrieben wurden, erschütterte ein weiteres Ereignis die Region um die Nordzinnen. Galia ließ die Erde erzittern und legte so eine bis dahin unbekannte Festung am nördlichen Rande des Gebirges frei – Vilgarim.
Hier fand man das Grab König Sendorans III., der in den Wirren des letzten Krieges gegen Kelsar verschwunden war. Den Aufzeichnungen des Kämmerers zufolge, starb der König in jener Festung ohne einen legitimen Nachkommen.

Der Stadtrat von Zinnengrund entschied daraufhin zu Inos‘ Sonnenschild 899 nach Eldarans Fall die Siedlungen von Zinnengrund und Dymoras, sowie das dazwischenliegende Vilgarim zusammenzuschließen und ein neues seldarisches Reich auszurufen. Die Festung in den Nordzinnen wurde als neuer Regierungssitz auserkoren.

Mit dem Sieg über Elvith und die Orks, dem Wideraufbau von Dymoras und der Neugründung des Reiches endete das Zeitalter der Ungewissheit trotz vieler stürmischer Entwicklungen unerwartet schnell. Nach den schweren Folgen des Krieges und den Eroberungszügen der Orks brach nun eine Zeit der Hoffnung und des Friedens an.

Written by Seldar Staff on Mittwoch 12 Februar 2014
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